NOISE exhibition — 2011

andras nicolas fischer noise white
Noise I; Lightjet photo print on Aluminum Dibond; 150 × 235 cm

Exhibition at Dixit Algorizmi Gallery Berlin. June 2nd – July 28th. Opening June 1st, 7pm – Ackerstrasse 162, Berlin.

Andreas Nicolas Fischer – „Noise“

Ruhig hingestreckte Monumentalität bestimmt die neuen Arbeiten von Andreas Nicolas Fischer. Tatsächlich entbehren die an Gebirge und geologische Formationen erinnernden querformatigen Darstellungen jeglicher Narration – auf den ersten Blick passiert nicht viel. Doch verbergen sich hinter den natürlich anmutenden Gesteinsstrukturen komplexe mathematische Iterationen, auf denen die Darstellungen beruhen. Bei näherer Betrachtung wird rasch augenfällig, dass das vermeintliche Gebirge zu starke Binnenstrukturen aufweist, dass die zu zahlreichen Gipfel auf zu engem Raum zusammenrücken. Gerade in den Licht- und Schattenzonen wird die Artifizialität der Landschaft deutlich, wo die Gesteinsstruktur in homogenen Nebeln und scharf umrissenen Schattenfeldern aufgeht.
Die Erzeugung der Arbeiten mithilfe generativer Computersoftware lässt den Künstler selbst zum Zuschauer werden – sind die Regeln determiniert und der Prozess einmal angestoßen entstehen die Bilder in teilweise tagelangen Berechnungen. Die Bilder entstehen aus der Übertragung von abstrakten mathematischen Informationen in eine ihrer möglichen visuellen Entsprechungen: Das System generiert also nicht dreidimensionale Landschaften, sondern zweidimensionale Strukturen, die aus der lokal unterschiedlichen Konzentration und Verteilung von Farbe entstehen. Sie sind das Ergebnis einer fraktalgeometrischen Multiplikation von Parametern mit sich selbst, sodass anfänglich simple, unregelmäßig geknickte Flächen zunehmend selbstähnliche Formen ausbilden, die in mehereren Arbeiten einem zerklüfteten Gebirge gleichen.
Kontrastierend zu diesen landschaftsähnlichen Kompositionen, die sich als solche durch ihre Horizontlinie auszeichnen, zeigen andere Arbeiten ebenfalls ein vermeintlich geologisches Motiv. Der hier fehlende Horizont und die anders geartete Textur der Darstellungen lassen sie als Vogelschau-Aufnahmen von Gebirgen erscheinen. Es könnte sich jedoch genauso gut um Details eines einzelnen Felsen oder um Kiesel unter dem Mikroskop handeln: die rekursive Struktur der Formel zur Berechnung des jeweiligen Bildes und die von ihr erzeugte Darstellung kommen in diesen Arbeiten zur Deckung, indem die ihrer Berechnung zugrunde liegende Selbstähnlichkeit evident wird: die scheinbar mimetische Gestalt des großen Ganzen und des ihm zugehörigen Details sind ununterscheidbar.
Obwohl die optisch täuschenden Landschaften lediglich komplexe – und bis zu einem gewissen Grad zufällige – Verteilungsmuster von Druckfarbe darstellen ist es für den Betrachter unmöglich hinter deren gegenständliche Wahrnehmung als Gebirgslandschaft, beziehungsweise geologische Formation zurückzutreten – zu stark wird die Wahrnehmung von Gestaltgesetzen der Einfachheit geleitet, die zu allererst Vertrautes erkennen lassen.

Die Arbeiten Andreas Nicolas Fischers entstehen aus der Überführung anfänglicher Größen und Werte mithilfe vorgegebener Parameter, die in ein vorerst virtuelles ‚Bild’ übersetzt werden. In diesem Stadium ist ihr späteres Format völlig offen; Die Maße der zu hängenden Ausdrucke sind also weder Zufall, noch vom System vorgegeben, sondern mit Bedacht gewählt. Dass die Bilder sich drei Meter in die Breite erstrecken und dem Betrachter somit ein Blickfeld füllendes Seherlebnis bereiten bindet die mit ‚natürlichen’ Strukturen assoziierten Arbeiten neben ihrer motivischen Ähnlichkeit auch formal an die Tradition monumentaler Gemäldekunst zurück – gerade bei der Darstellung von Landschaften transportieren große Formate das Erhabene der Natur.
Die Arbeiten stehen in der Tradition früherer Technologien der Bildübersetzung und –übertragung: Bereits im frühen 20. Jahrhundert wurden gegenständliche Darstellungen in abstrakte Werte übersetzt und übermittelt, wie zum Beispiel in der Bildtelegrafie. Durch das Abrastern eines Bildes und seine Übersetzung in Stromstärken wurde dessen Fernübertragung ermöglicht, um am Zielort von einem Graphen Zeile für Zeile wieder zusammengesetzt zu werden. Der bemerkenswerteste Unterschied zwischen dieser exemplarischen Technologie und Andreas Nicolas Fischers Arbeiten ist dabei nicht die ungleich höhere Komplexität und benötigte Rechenleistung zur Erzeugung der letzteren, sondern vielmehr die Eigenschaft der ‚Gebirge’ und ‚geologischen Formationen’ Referenzen ohne visuelle Referenten zu sein. Dadurch sind sie als strikte Produkte der Mathematik ausgewiesen, die als ein in sich selbst geschlossener Bereich Erkenntnis und Bilder formt, die keine Bezüge zur Außenwelt besitzen. Ihre ruhige Unerschütterlichkeit erreichen Andreas Nicolas Fischers Arbeiten durch ihre Zugehörigkeit zu dieser hermetischen Innenwelt der Mathematik.
Text: Dennis Jelonnek

Andreas Nicolas Fischer - Noise at Dixit Algorizmi
Untitled (G II); Lightjet photo print on Aluminum Dibond; 160 × 280 cm