Dialog mit Frieder Nake
Betreff: Deine Bremer Ausstellung
Datum: 4. Oktober 2009 12:23:57 MESZ
An: anf at anfischer . com
so langsam wirds ja Ernst mit der Bremer Ausstellung. Den Ort des Geschehens kennst Du ja gewiss schon. Klein, überschaubar, aber adrett, ordentlich. Ich bin gespannt, was Du daraus machst.
Neulich hatte ich einen Text abgeliefert. Ich hänge ihn an, weiß nicht, ob Janek ihn Dir weitergeleitet hatte. Dieser Text wird nicht der sein, den ich vortrage. Wenn vielleicht auch Gedanken einfließen. Ich sammle derzeit Punkte, die ich ansprechen möchte.
Irgendwie zwischen Foto und Computer. Ferne zum aktualen Bilde, Nähe zu seinem Plan und Schema. Zum Algorithmus. Zwischen dem, was jeder gleich sehen kann, und dem, was keiner weiß, oder jedenfalls nur wenige. Die feste Form des weißen Kreisringes auf schwarzem Grund, und die ihn umschwebenden, verschleiernden Farbschlieren.
Ob Du mir zur eigenen Aufklärung, zum Verständnis etwas über Deinen Herstellungsprozess geben magst? Wo im Verhältnis zu Foto und Computerbild siedelst Du Deine Lichtzeichnungen an?
Frieder
Von: anf at anfischer . com
Datum: 4. Oktober 2009 20:45:37 MESZ
An: nake at informatik . uni-bremen . de
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an dieser Stelle noch einmal vielen Dank für Deinen Text und Deine Zeit.
Zum Herstellungsprozess:
Ich habe ein Programm geschrieben, mit folgenden Anweisungen:
Zeichne eine bestimmte Anzahl von Ellipsen von varierender Grösse zufällig verteilt in einen Bereich, deren Fläche nicht grösser ist als das zehnfache der Kreisradien. Skaliere die Ellipsen in jedem Sekundenbruchteil um einen Bruchteil ihrer Größe. Versetze die gezeichneten Ellipsen mit variierenden Abständen im Uhrzeigersinn um den Mittelpunkt der Zeichenfläche. Wiederhole den Prozess über eine Dauer von X Sekunden.
Auf Basis dieses Programms sind alle Zeichnungen aus der Serie entstanden. Wichtig für mich ist der Prozess der Iteration, nicht im Programm selbst, sondern in der Verfeinerung der zugrunde liegenden Parameter wie Anzahl der Ellipsen, Skalierung und Geschwindigkeit der Rotation um den Mittelpunkt. Jedes Mal wenn ich das Programm abspiele, lasse ich es einige Zeichnungen erstellen und entscheide dann, welche Parameter verändert werden sollen. Jede „finale“ Zeichnung hat also mehrere hundert dieser Iterationen des Programmcodes durchlaufen. Für jede fertige Computerzeichung gab es hunderte von Vorläufern. Interessant ist für mich die „Autonomie“ der Software, die in jedem Sekundenbruchteil „Entscheidungen“ treffen kann und dadurch Ergebnisse hervorbringt, die ich nicht vorhersehen kann.
Ich habe einen Text von Manfred Mohr gefunden von dem ich hier einen Absatz hinkopiere:
Usually, visual artists order their artistic thoughts and intentions from a visual understanding of things. The realization of visual imagination is limited to subjective and personal preferences, leading always to incomplete and imprecise results. The nature of programming leads to a more global and yet detailed view of one´s idea. My research centers on the logical content of an idea and the search for general rules which describe that idea. I write procedures which generate results that are the logical consequences of these complex and multilayered rules. These results are rich with visual surprises beyond anyone´s imagination and preferences, thus reducing the above mentioned psychological incompleteness.
Der ganze Text ist hier zu lesen:
Ich werde kurz versuchen, das in meine eigenen Worte zu fassen:
Bildende Künstler bemühen sich, in ihren Arbeiten eine visuelle Idee aus ihrer Vorstellung umzusetzen. Ich versuche das nicht, sondern bestimme „nur“ das Regelwerk, nach dessen Zusammenspiel die Arbeiten entstehen.
Durch diesen Prozess entstehen Bilder, die nicht versuchen etwas zu sein, was sie nicht können: Eine direkte Abbildung meiner visuellen Vorstellung.
Zum Verhältnis zur Fotografie und Computerbild:
Ich beziehe mich zwar mit dem Begriff Lichtzeichnungen auf die Fotografie (die Arbeiten haben auch formal eine gewisse Nähe zu Fotogrammen oder Langzeitbelichtungen), der Prozess ist jedoch ein anderer.
Du hast geschrieben:
Das Licht also stattdessen als aktiv malender Agent. „Malend“? Schatten werfend vielleicht, durch Scheiben brechend, durch Lochblenden, Schlitze, rotierende Dinge, auf und ab steigende. Iterativ jedenfalls. In Bewegung.
Damit hast Du den Kernunterschied schon erfasst: Ein aktiver Agent im Gegensatz zu einem passiven Rezeptor. Die Zeichnungen entstehen nicht durch dauerndes Einwirken von Licht auf einen Träger, sondern werden durch aktive Instanzen einer Klasse „gezeichnet“.
Ich sehe meine Arbeiten also näher beim digitalen Bild, nenne sie Computerzeichnungen anstatt digitale Belichtungen.
Du spielst in Deinem Text, so glaube ich, auf die Tatsache an, dass ich als deutscher Künstler keine deutsche oder zweisprachige Website habe. Es hört sich in Deinem Text etwas so an, als würde ich die deutsche Sprache mit der englischen vermischen. Nichts läge mir ferner als diese Art von modern klingend wollenden Neu-Sprech, obgleich sich in meiner Sprache zweifelsohne ein paar Lehnübersetzungen und die ein oder andere vom Englischen beeinflusste Wortstellung finden lassen.
„Data, sculpture and code“ zitierst Du meine Website. Nein Deutsch ist das natürlich nicht, aber der Rest der Seite ist es ja auch nicht. Ich beziehe mich mit diesem Satz auf die Natur des digitalen, die allen meinen Arbeiten zugrunde liegt. Ich verwende Datensätze und kann diese mit Hilfe von Programmcode erfassen und in ein beliebiges Medium übersetzen, ob Grafik, Skulptur oder Installation. Die Skulpturen entstehen wiederum mit der Hilfe von computergesteuerten Maschinen und Handarbeit (in etwa zu gleichen Teilen).
Sehr gut finde ich Deine Beobachtung und Differenzierung der Formulierung der „Arbeit mit Programmierung“. Ich programmiere, bin aber kein Programmierer. Es geht nicht ums Programmieren an sich, sondern um die Arbeit mit Programmierung als Werkzeug, als „Ermöglicher“.
In Deinem Text finden sich viele Gedanken und Beobachtungen, die für meine Arbeit relevant sind, die ich so nicht hätte formulieren können.
Andreas
p.s.: Anbei sind noch 3 neue Arbeiten, die ich auch zeigen werde.
Betreff: Deine Bremer Ausstellung
Datum: 4. Oktober 2009 12:23:57 MESZ
An: anf at anfischer . com
Lieber Andreas,
ich bin gottfroh, dass ich noch rechtzeitig Dir geschrieben hatte, noch froher aber darüber, dass und wie Du antwortest. Vielen Dank. Darüber hinaus aber hast Du mir mit deinem Anklang bei Manfred Mohr und, noch genauer, bei deiner verbalen Beschreibung dessen, was dein Programm macht, eine präzise Steilvorlage für die Worte zur Eröffnung geliefert.
Und noch darüber hinaus ist einzigartig, wie Du den Zufall nicht so statisch, wie all das, was ich kenne oder wie ich selbst denke, zu Wort kommen lässt. Sondern dass Du ihm die Zeit einplanst. Wenn ich mich noch mal melden will, melde ich mich noch mal.
Herzlich, Frieder
Übrigens: Kritik an Deutsch, Englisch, Deinen Gebrauch betreffend, läge mir ganz fern. Ich bastele einen Halbsatz in den Text hinein.